Internet Statement 2026-03

 

Gedanken über die gesellschaftliche Entwicklung


Maria Weiß/Uwe Müller 1.2.2026


Ein Mensch, der es für nötig hält, jemanden zu töten, um sich selbst durchzusetzen, der ist schwach. Für eine fortschrittliche gesellschaftliche Durchsetzung ist Überzeugung wesentlich, was keineswegs immer sofort zu realisieren ist, aber nicht etwa durch Mord. Sicherlich ist der allgemeine Klassenkampf, der seit Jahrtausenden stattfindet, aber auch nicht denkbar ohne Gewalt, indem eine Klasse den gesellschaftlichen Fortschritt gegen die obsolete reaktionäre Klasse ohne Gewalt durchgesetzt hätte. Aber man darf mit dem Faktor Gewalt nicht verantwortungslos umgehen. Das Einzige, was Menschen auf Dauer durchkommen lässt, ist die Überzeugung. Durchaus auch die Überzeugung von Gegnern.

Mag sein, daß sich so etwas nicht sofort als Erkenntnis durchsetzt, aber wenn man sich die Geschichte anschaut, dann merkt man schon, daß diese Erkenntnis sich eigentlich aus vielem heraus schält. Ja, was haben denn die Nazis "erreicht"? Nichts außer Zerstörung. Was haben deren Bekämpfer erreicht? Auch nicht genug. Weil sie auf das Wesen der Sache gar nicht erst zu sprechen kamen. Und das Wesen der Sache ist die Spaltung der Menschheit in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Eigentümer und Nichteigentümer. Und die muß überwunden werden, indem ein anderes ein neues Gesellschaftssystem durchgesetzt wird, das dies garantiert.

Sicherlich, man hat das bereits mehrfach versucht, aber es ist überall ersteinmal wieder gescheitert, bislang. Und deswegen bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig, als zu analysieren, warum es jeweils gescheitert ist und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen.

Es gibt dazu viele Ansätze, etliche Aspekte wurden analysiert und zeitweise auch diskutiert. Doch geschieht das viel zu wenig. Manche meinen gar, bereits alle Antworten darauf schon gefunden und alle notwendigen Schlußfolgerungen daraus bereits gezogen zu haben. Das ist naiv und gefährlich. Es sind vielfältige Gründe, die das Scheitern der russischen wie auch chinesischen Revolution verursacht haben, innere wie äußere. Theoretische wie auch praktische Ursachen. Die Analyse ist längst nicht abgeschlossen, sie muß weitergehen. Das Studium und die Diskussion darüber, über diese Grundfragen, wie wir es nennen, ist viel zu wenig.

Bislang haben alle Kräfte mit revolutionärem und fortschrittlichem Anspruch sich geweigert und drum herum gedrückt, unsere Ansätze bezüglich gravierender Fehler im Leninismus mit uns zu diskutieren (siehe die Grundslagenschrift von Klaus Sender/Hartmut Dicke: Leninismus und Zivilisation). Ja noch nicht mal Kritik daran wurde geübt. Dabei geht es um den Einfluß kultureller Fragen, um die Rolle der Kultur und inwieweit diese theoretisch und praktisch von Lenin und den russischen Revolutionären beachtet bzw. ausreichend beachtet worden sind. Und inwieweit dies Einfluß auf den Verlauf der russichen Revolution und der Sowjetunion hatte. Und wie war das in der chinesischen Revolution? Natürlich muß gleichzeitig die aktuelle Lage und die Frage der Umsetzung gewonnener Kenntnisse analysiert und bewältigt werden.

Das alles zu bewältigen, ist ungemein schwierig und für eine kleine Gruppe, wie wir es sind, unmöglich allein zu leisten. Das ist sowieso eine Aufgabe für viele Gruppen und Organisationen, eine Aufgabe für alle fortschrittlichen Kräfte und Organisationen, die den Kapitalismus, dieses Ausbeutungssystem, das unweigerlich immer wieder in imperialistischen Kriegen und millionenfachem Abschlachten und Morden mündet, abschaffen und eine ausbeutungsfreie sozialistische, kommunistische Gesellschaft aufbauen wollen.

Wir können und wollen allerdings Anstöße geben. Wir können theoretische wie praktische Erkenntnisse aus mehr als 50 Jahren revolutionärer Praxis in die Diskussion einbringen. Kritisiert uns, fangt eine Diskussion darüber an, nur so kann es schließlich Weiterentwicklung geben.

Was will man eigentlich erreichen damit, indem man die Augen schließt und so tut, als wäre das gar nicht so wichtig, und Hauptsache, man kann sein kleines erbärmliches individuelles Dasein weiter fristen? Tut mir leid. Wer über sein eigenes Individuum nicht nachdenken kann und will, der hat eben von vornherein keine Chance. Die Geschichte ist eine einzige Dokumentation dieser Erkenntnis. Leider ist die Wahrnehmung dieser Erkenntnis aber keineswegs entsprechend ihrer Bedeutung. Vielleicht sollte man mal versuchen, daran zu arbeiten, wie man das vielleicht ändern kann.

Privat- und gesellschaftliches Eigentum

Niemand wird einem Menschen das, was er sich erarbeitet hat, wegnehmen wollen, auch der Sozialismus nicht. Aber das wegzunehmen, was man sich von Anderen für sich hat erarbeiten lassen, da sieht die Sache anders aus. Da gilt es zu unterscheiden, entweder das eine oder das andere. Nicht aber beides in einem Mist zusammenzukratzen und damit alles zu verwirren. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie sehr oft missverstanden wurde, nicht nur in der Geschichte, sondern auch heutzutage. Da sollte man mal Klarheit schaffen, was man eigentlich meint, und was man nicht meint.

Sicherlich ist es nicht so einfach, derartige Prinzipien auf gesellschaftlicher Ebene dauerhaft durchzusetzen. Aber was bleibt denn letztendlich anderes übrig? Man kann einerseits ewig die Ungerechtigkeiten, die Ausbeutung aufrechterhalten, oder eben versuchen, durch eine Differenzierung Klarheit zu schaffen und eine bessere fortschrittlichere Gesellschaft dauerhaft zu erreichen.

Die beiden Faktoren, die ich genannt habe, werden oft durchaus bewusst miteinander vermengt. Da sollte man gegen vorgehen. Die Vermengung ist nicht richtig. Die Differenzierung ist entscheidend, um was es sich handelt. Das dürfte doch nicht allzu schwer sein, das festzustellen und dementsprechend zu handeln.

Unter anderem ist es natürlich die Gesellschaft selbst, die durch ihre, der Ausbeutung entsprechenden, Struktur eben dieser Ungerechtigkeit Auftrieb gibt. Aber das ist nicht unbedingt das, was in alle Ewigkeit besehen bleiben muß. Da kann man erwidern: Die Versuche, das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Ausbeutung abzuschaffen, sind allesamt bislang gescheitert. Aber woran sind sie gescheitert? Vielleicht sind sie unter anderem an dieser Differenzierung gescheitert, die eben gemacht werden muß, damit nicht die Menschen, die etwas für sich selbst erarbeitet haben, sich ungerecht behandelt fühlen, wenn auf einmal alles nicht mehr ihres ist. Vielleicht muß man überhaupt auf einen neuen Begriff von Eigentum Wert legen. Was für ein Eigentum, wessen Eigentum, was soll diesem Eigentum zugrunde liegen? Diese Fragen sollte man vielleicht einmal versuchen, neu zu beantworten, bevor man wieder die ganze Menschheit in entsprechenden Kriegen in den Abgrund reißt.

Menschen sind verschieden, das ist normal und das ist auch gut so, aber kann man in der Praxis nicht endlich einmal durchsetzen, wie diese Verschiedenheit dazu führt, daß sie allen nützt und nicht immer nur einem klein Teil davon? Sicherlich ist das nicht so einfach. Die ganze bisherige Geschichte der menschlichen Entwicklung bezeugt eher das Gegenteil. Aber gut, das muß man zur Kenntnis nehmen. Aber man sollte vielleicht auch überlegen, woher das Gegenteil resultiert. Und ob man vielleicht die Chance besitzt, dieses Gegenteil umzusetzen in eine konstruktive, weiterführende Gesellschaft. Leider sind wir heutzutage weit davon entfernt, vielleicht weiter als je zuvor. Aber das heißt noch lange nicht, daß es unmöglich ist diese Klassenspaltung in der Entwicklung vielleicht auch mal infrage zu stellen und dauerhaft zu überwinden. Man kann eigentlich alles infrage stellen, egal was es ist. Und das infrage stellen ist eigentlich fast immer der Schritt zum Fortschritt. Ja vielleicht sollte man sich mal überlegen, ob man das nicht auch auf die gesellschaftliche Entwicklung übertragen kann. Denn die hat es dringend nötig, bevor sie wieder einmal (oder erstmalig, wer weiß) dazu führt, die gesamte Menschheit auf ein aller aller erbärmliches Erst-Entwicklungsniveau zurückzuwerfen.

Vielleicht kann man sich das einmal durch den Kopf gehen lassen. Auch in Kreisen, die eine politische Umwälzung nicht so toll finden, weil sie ja von der gegenwärtigen Entwicklung so schön profitieren. Aber für immer wird es nicht so schön sein, und irgendwann wird es auch mit dieser Profitiererei ein Ende haben, wenn diese ganze Sache so weiter geht wie bisher. Wer sagt denn, daß die Menschheit als aller Wichtigstes und eben auch letztes Resultat hervorbringt, alles wieder von vorne anfangen zu lassen? Ich finde das nicht so toll, und vielleicht bin ich da ja nicht die Einzige. Man sollte sich darüber Gedanken machen, was und wie es ermöglicht werden kann, etwas Derartiges zu verhindern.

Nicht zuletzt der Kampf der verschiedenen gesellschaftlichen Teile, der Eigentumslosen und der Eigentümer, ist ein bestes Mittel dafür, so etwas nicht zustande kommen zu lassen. Aber vielleicht gibt es ja noch eine Möglichkeit sich davon frei zu machen und sich darüber zu stellen und zu sagen, was nützt eigentlich dem Ganzen und was schadet. Schwer zu sagen, ob das möglich ist. Ich weiß es selbst nicht. Aber ich sehe auch bei der gegenwärtigen Entwicklung auf die es wieder hinaus läuft, keine andere Wahl, als sich ja vielleicht darüber mal Gedanken zu machen. Was ist denn wichtiger: versuchen den eigenen Profit zu realisieren, oder vielleicht das Ganze vor der "Selbstvernichtung" zu retten.

Produktivkräfte sprengen die Produktionsverhältnisse

Die Produktivkräfte sprengen die Produktionsverhältnisse. Ja, aber wie sie das tun, das steht auf einem anderen Blatt. Denn wenn man sich das hier anschaut, da könnte einem eher der Schauer den Rücken herunter laufen, in welche Richtung das geht. Wer hat denn heute hier überhaupt noch ein politisches Verständnis von der gesellschaftlichen Entwicklung? Die Jugendlichen interessieren sich für ganz andere Fragen, denen hat man den Umweltzirkus eingebläut von Anfang an. Aber die Umwelt ist es nicht, die sich selbst umbringt, sondern die Welt, die menschlichen Gesellschaftsverhältnisse, die Ausbeuter, das Kapital. Das ist wirklich der fatale Irrtum einer solchen Kalkulation. Ich möchte nicht, daß es so weit kommt, und ich bin sicher nicht die Einzige, die das will. Aber wie bekommen wir das hin, wie kann man endlich mal Vernunft in diese Art von Realitätswahrnehmung bringen? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht gibt andere, die eine Vorstellung davon haben und der einem vielleicht weiterhelfen können, auf diesem Weg die nächste geschichtliche Katastrophe zu verhindern.

 

 

 www.neue-einheit.de